Wenn jeder Millimeter zählt
Warum Eingriffe an der Halswirbelsäule höchste Erfahrung erfordern und wie interdisziplinäre Zusammenarbeit die Patientensicherheit maximiert
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Die Halswirbelsäule ist ein Meisterwerk der Anatomie – und zugleich ein Hochrisikobereich. Auf engstem Raum verlaufen hier lebenswichtige Gefäße, Nervenbahnen und Verbindungen zum Gehirn. Eingriffe in diesem Bereich erfordern daher höchste Präzision, Erfahrung und modernste Technik. An der Sportklinik Hellersen wird diese Expertise durch eine enge Zusammenarbeit von Neurochirurgie, spezialisierter Wirbelsäulenchirurgie und konservativer Orthopädie ergänzt und bietet Patienten damit eine einzigartige Versorgung. Dieter Henigin, Chefarzt für Wirbelsäulenchirurgie, und Dr. Oliver Meier, Chefarzt für Spezielle Wirbelsäulenchirurgie, geben einen Einblick in die Diagnostik, Behandlung und die besondere Expertise des Deutschen Wirbelsäulen- und Skoliosezentrums.
Herr Henigin und Herr Dr. Meier, Sie sind Experten auf dem Gebiet der Wirbelsäule. Warum ist die Halswirbelsäule ein besonders sensibles und komplexes Segment?
Dr. Oliver Meier: Die Wirbelsäule hat drei Abschnitte: die Halswirbelsäule, die Brustwirbelsäule und die Lendenwirbelsäule. Dabei ist die Halswirbelsäule der beweglichste Bereich. Diese hohe Beweglichkeit macht sie funktionell jedoch gleichzeitig auch anfälliger für Verletzungen und Verschleiß.
Dieter Henigin: Darüber hinaus durchlaufen viele wichtige Gefäße den vergleichsweise dünnen Hals. Die wichtigste ist die Halsschlagader. Aber auch Nerven, etwa für die Stimme, sowie weitere Gefäße und Verbindungen zum Gehirn verlaufen hier. Je nachdem, was passiert, können die Folgen schwerwiegend sein: Rückenmarksverletzungen, Querschnitt, Halbseitenlähmung oder Hirnblutungen. Deshalb fragen wir zum Beispiel vor einem Eingriff, ob jemand Rechts- oder Linkshänder ist, und wählen den Operationszugang entsprechend. So kann im seltensten Fall einer Durchblutungsstörung nur die weniger belastete Gehirnhälfte betroffen sein. Allein die Vorstellung, dass durch dieses empfindliche Organ operiert werden muss, sorgt bei vielen Patienten für Sorge – einige ertragen lieber die Schmerzen, als sich einem Eingriff zu unterziehen.
Mit welchen Beschwerden oder Symptomen stellen sich Patienten mit Erkrankungen an der Halswirbelsäule am häufigsten vor?
Dieter Henigin: Häufige Beschwerden sind Nacken- und Schulterschmerzen. Typisch sind zudem Wurzelausstrahlungen: Wird eine Nervenwurzel eingeengt, strahlen die Schmerzen oft bis in die Hände oder Finger aus. In manchen Fällen kommt es auch zu Einschränkungen der Handmotorik – Betroffene haben Schwierigkeiten beim Schreiben oder beim Zuknöpfen der Bluse beziehungsweise des Hemdes. Übt eine langanhaltende Enge Druck auf das Rückenmark aus, kann dies zu Schäden führen. Betroffene zeigen häufig ein kleinschrittiges Gangbild.
Wie kommt es zu einer solchen Verengung?
Dieter Henigin: Die Ursachen sind sehr verschieden. Häufig führen Bandscheibenvorfälle, aber auch Verletzungen wie Brüche oder Frakturen sowie Instabilitäten der Wirbelsäule zu Verengungen. Am häufigsten ist jedoch der Bandscheibenvorfall der Auslöser.
Je nach Verlauf kann der Bandscheibenvorfall zentral auf das Rückenmark oder seitlich auf die Nervenwurzel drücken, die den Arm versorgt. Trifft er genau diese Nervenwurzel, treten meist Symptome wie Kribbeln oder ein nächtliches Einschlafgefühl des Arms auf.
Und wann ist die Wirbelsäulenchirurgie zuständig und in welchen Fällen übernimmt die Spezielle Wirbelsäulenchirurgie die operative Behandlung an der Halswirbelsäule?
Dieter Henigin: Bei frischen, kleineren Verletzungen, bei akuten Bandscheibenvorfällen oder Verengungen ohne Fehlstellung der Wirbelsäule übernehmen die Neurochirurgen der Wirbelsäulenchirurgie die Behandlung.
Liegt jedoch eine Fehlstellung, eine Verschiebung oder eine Instabilität eines Wirbelsegments vor, wird die Statik der Wirbelsäule zum Problem. In diesen Fällen übernimmt die Spezielle Wirbelsäulenchirurgie die operative Versorgung.
Inwiefern profitieren Patienten davon, dass die Fachbereiche eng zusammenarbeiten?
Dieter Henigin: Die Patienten profitieren von der engen Zusammenarbeit vor allem durch kurze Wege und ein breites, gleichzeitig sehr spezialisiertes Behandlungsspektrum. In dieser Form gibt es ein solches Angebot in kaum einer anderen Klinik.
Dr. Oliver Meier: An den meisten Kliniken gibt es in der Regel nur einen Wirbelsäulenchirurgen oder nur Neurochirurgen, aber nicht beides. Unser Ansatz ist hingegen bundesweit nahezu einzigartig: Wir decken die gesamte Behandlung an der Wirbelsäule ab – von konservativer Behandlung über neurochirurgische Eingriffe bis hin zur spezialisierten Wirbelsäulenchirurgie bei Instabilitäten und Fehlstellungen und das alles zusammengefasst in einem Zentrum.
Welche diagnostischen Schritte sind notwendig, um eine Erkrankung der Halswirbelsäule sicher zu beurteilen?
Dr. Oliver Meier: Um eine Erkrankung der Halswirbelsäule sicher zu beurteilen, ist zunächst eine sorgfältige körperliche Untersuchung entscheidend. Dabei werden Beweglichkeit, Reflexe, Sensibilität und die Muskelkraft überprüft. Ergänzend dazu ist die Kernspintomographie (MRT) das führende diagnostische Verfahren, da sie Nerven, Bandscheiben und das Rückenmark besonders gut darstellt. Bei speziellen Fragestellungen, zum Beispiel zur Beurteilung knöcherner Veränderungen, kann zusätzlich eine Computertomographie (CT) durchgeführt werden.
Welche operativen Verfahren kommen an der Halswirbelsäule am häufigsten zum Einsatz?
Dieter Henigin: In der Wirbelsäulenchirurgie operieren wir Neurochirurgen überwiegend mikrochirurgisch. Das heißt, es werden möglichst kleine Schnitte gemacht. An der Halswirbelsäule werden häufig Bandscheibenprothesen eingesetzt oder sogenannte PEEK-Cages. Ein PEEK-Cage ist ein spezieller Abstandshalter, der den geschädigten Bandscheibenraum ausfüllt, sodass die betroffenen Nervenwurzeln nicht länger eingeengt werden.
Welches Verfahren zum Einsatz kommt, hängt von der Lokalisation des Bandscheibenvorfalls, seiner Größe und Art sowie von den individuellen anatomischen Gegebenheiten ab. Der Cage sorgt dafür, dass das betroffene Segment ruhiggestellt und stabilisiert wird. Bei jüngeren Patienten wird hingegen häufiger eine Bandscheibenprothese eingesetzt, um die Nervenwurzel zu entlasten und die benachbarten Segmente vor einer möglichen Überlastung zu schützen.
Dr. Oliver Meier: Mit zunehmendem Alter kann es zu Instabilitäten der Wirbelsäule kommen. An der Halswirbelsäule geht zum Beispiel die physiologische Vorwärtskrümmung („Schwingung“) verloren und knickt nach vorne. In solchen Fällen stellen wir in der Speziellen Wirbelsäulenchirurgie die natürliche Schwingung wieder her und sorgen gleichzeitig für Stabilität. Dazu setzen wir teilweise Cages ein, verschrauben diese oder ergänzen die Stabilisierung durch eine Platte, um das Segment dauerhaft zu sichern.
Welche Faktoren spielen bei der Wahl der optimalen Behandlung eine entscheidende Rolle?
Dr. Oliver Meier: Entscheidend für die Wahl der optimalen Behandlung ist in erster Linie die Art der Beschwerden. Darüber hinaus spielen das Alter des Patienten sowie seine individuellen Lebensumstände eine wichtige Rolle. Besonders relevant ist, ob die Beweglichkeit des betroffenen Segments unbedingt erhalten bleiben soll.
Welche Ängste oder Sorgen äußern Patienten vor einer Halswirbelsäulenbehandlung am häufigsten?
Dieter Henigin: Viele Patienten haben vor einer Halswirbelsäulenbehandlung Angst vor den bereits erwähnten Komplikationen. Nach einem erfolgreichen Eingriff sind sie jedoch oft sehr erleichtert, und ihnen fällt sprichwörtlich eine Last von den Schultern. Mit der Schmerzlinderung geht häufig auch eine spürbare Wesensveränderung einher.
Wie nehmen Sie den Patienten diese Sorge und welche Bedeutung hat die Erfahrung des Operateurs?
Dr. Oliver Meier: Die Erfahrung des Operateurs spielt bei Eingriffen an der Halswirbelsäule eine entscheidende Rolle, da dieser Bereich äußerst sensibel und nur sehr begrenzt zugänglich ist. Nur Spezialisten mit umfassender Routine und sorgfältigem Vorgehen können sicherstellen, dass Komplikationen vermieden und mögliche Risiken so gering wie möglich gehalten werden.
Dieter Henigin: Um Patienten im Vorfeld die Sorgen zu nehmen, betonen wir diese Erfahrung des operierenden Teams. Dass bereits viele Eingriffe erfolgreich durchgeführt wurden, minimiert das Risiko deutlich. Persönlich habe ich vor jeder Operation am Hals großen Respekt. Angst darf man dabei nicht haben, aber Respekt ist unbedingt notwendig, um verantwortungsvoll und sorgfältig zu arbeiten.
Mehr Informationen zum Deutschen Wirbelsäulen- und Skoliosezentrum sowie den Behandlungsschwerpunkten finden Sie auf unserer Website!
You can find more information about the German Spine and Scoliosis Centre and its areas of specialisation on our website!